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Sonntag, 18. Juli 2021

Hybride Teams entwickeln

Teams, die nicht am gleichen Ort sitzen, brauchen mehr Aufmerksamkeit und Zeit zur Reflexion.

Ein Team kann sehr gut funktionieren, selbst wenn man den Teammitgliedern im echten Leben noch nie begegnet ist. Das habe ich seit April 2020 beim Wednesday Web Jam eindrucksvoll erfahren dürfen. Und auch mein TEDxMünster-Team habe ich während der Pandemie und hauptsächlich im Online-Modus aufgebaut. Meine Beobachtungen aus der Zeit:

- Es geht. Auch wenn die Zusammenarbeit überwiegend oder sogar ausschließlich online läuft, lassen sich gute Ergebnisse, Zusammenhalt und Verbindlichkeit erreichen.
- Es braucht genaues Hinsehen und Teamhygiene. Wenn ich mit anderen vor dem Monitor sitze, fehlen mir eine ganze Menge Informationen, die wichtig wären um herauszufinden, wie es den einzelnen Menschen geht ("die Energie im Raum"). In Pandemiezeiten sind im TEDx-Team immer wieder einzelne Mitglieder übergangsweise nicht aufgetaucht, einfach so. Weil alle mal vor den Auswirkungen dieser merkwürdigen Zeit in die Knie gehen. Ich muss also zusehen, dass ich möglichst viel Unausgesprochenes versuche zu heben, besprechbar zu machen. Der Anspruch „psychologische Sicherheit", den Google in der großen re:work Studie als ausschlaggebend für Performance im Team nennt, bekommt damit noch mehr Gewicht als ohnehin.
- Es braucht klare Regeln für den Umgang. Zu den Regeln kann gehören: Ich will ein Signal hören, wenn jemand abtaucht. Dafür brauche ich keine Entschuldigungen, keine Rechtfertigung, keine Erklärung. Nur das Zeichen: Ich brauche eine Pause und bin mal weg. Es muss klar sein, was passiert, wenn jemand ausfällt, wer vertreten kann. Rituale helfen, dass auch persönliche Dinge einen Platz haben: beispielsweise das Check-in zu Beginn des Meetings, eine liebevoll gezeichnete statt geschriebene Agenda, ein Meeting nur für Sorgen und Nöte.
- ...und Raum für Teamprozesse muss da sein. Das Tuckman-Modell von 1965 beschreibt die Phasen, die eigentlich alle Teams durchlaufen (Forming - Storming - Norming - Performing). Und das ist keine Einbahnstraße: Hin und wieder braucht es Anlässe, wo Regeln nochmal bewusst gemacht, hinterfragt und vielleicht neu festgelegt werden. Und das „Storming" braucht eine Erlaubnis, denn nur wo Konflikte ausgetragen werden können und Entscheidungsprozesse transparent sind, kann Vertrauen wachsen, um sich auf vertiefte Beziehungen einzulassen.
Ich finde diese Art der Teamentwicklung unglaublich spannend. Ein großes Ego hat hier keinen Platz, und ich lerne loszulassen. Mich bestärken die Prozesse darin, dass man den anderen im Team eine ganze Menge zutrauen sollte. Dann entstehen magische Momente.

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