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Donnerstag, 23. Mai 2019

Klima retten mit der Industrie

Über Generationenprojekte, Vorurteile und große Hebel. Eindrücke von der Wasserstofftagung der Landesinitiative IN4climate.NRW

Foto: Jan Hinterlang

Thyssen-Krupp wird in den nächsten 30 Jahren für 10 Mrd. Euro seinen Hochofenpark komplett ersetzen und Stahl weitgehend CO2-frei herstellen. Siemens denkt daran, mit Wasserstoff Gasturbinen zu befeuern, was bislang eigentlich als Ressourcenverschwendung gilt. Shell versucht sich in Wesseling daran, Treibstoffe mit Hilfe von Wasserstoff statt fossilen Brennstoffen herzustellen. Im Emsland haben sich zu zwei aufregenden Projekten Konsortien unter Beteiligung der Großindustrie zusammengeschlossen, die sich um die Infrastruktur und die Kopplung von Strom- und Gasnetz kümmern sollen. Denn Deutschland ist in punkto Energiewende ein lahmer Esel, und wenn wir die Klimaziele überhaupt noch irgendwie erfüllen sollen, müssen wir uns ranhalten. Das war das Setting für die Veranstaltung der Landesinitiative IN4climate.NRW, die ich in Düsseldorf moderieren durfte. Was soll ich sagen? Ich habe viel gelernt.

Das Thema Wasserstoff für das Energiesystem der Zukunft ist mitnichten neu. Bislang aber standen die Zeichen auf „E": für Elektromobilität und Strom aus erneuerbaren Quellen zum Beispiel. Nun aber rückt Wasserstoff nicht nur als Antriebsenergie für Brennstoffzellen, sondern auch als Speichermedium in den Fokus: Wir wandeln überschüssigen Strom aus Wind und Sonne, wie er im Sommer oft anfällt, in Wasserstoff um. Wasserstoff kann man aufbewahren für die Phasen der so genannten „Dunkelflaute", und er lässt sich durch unterirdische Rohrleitungen und per Tankwagen dorthin transportieren, wo er gebraucht wird. Und genau dazu entsteht gerade so Einiges. Neuerdings mit massiver finanzieller Unterstützung des Landes bzw. des Bundes, denn der Umbau des Energiesystems ist gleichermaßen teuer wie unumgänglich.

Münster, die Stadt in der ich lebe und arbeite, hat keine ausgewiesene Industrietradition. Hier ist Industrieschelte noch eher schick, und beim Klimaschutz arbeiten wir uns auf hohem Niveau daran ab, was der oder die Einzelne beitragen sollte. Daran ist prinzipiell nichts auszusetzen. Aber nachdem ich gestern die Dimensionen der Energiemengen und der Mengen an - zukünftig hoffentlich vermeidbarem - Kohlendioxid hören durfte, finde ich: Der genauere Blick auf die Industrie ist unbedingt geboten, weil sie einfach den denkbar größten Hebel bietet, den wir gerade zur Verfügung haben. Da nützt die pauschale Abqualifizierung der Industrie als Klimasünder gar nichts, denn wir alle verwenden Produkte aus Stahl und Kunststoff, wir bewegen uns fort mit fossil angetriebenen Fahrzeugen, und wir verlassen uns auf Lebensmittel, für die Dünger eingesetzt wird. Wir brauchen sie also, und daher finde ich cool, was ich gestern an Ideen und Vorstößen für eine wasserstoffbasierte Industrie gesehen habe.


Passieren muss allerdings noch Vieles. Wer es genauer wissen will: Seit gestern ist die Wasserstoffstudie der Ludwig-Bölkow-Systemtechnik im Auftrag des Wirtschaftsministeriums NRW veröffentlicht. Online gibt es sie hier.

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