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Freitag, 02. Dezember 2016

Tausche Bringdienst gegen Hosenflicken

Vernetzte Nachbarschaften machen Städte lebenswert / Jahrestagung der Quartiersakademie NRW in Bochum

Am Rande des Teutoburger Waldes ist Nachbarschaftshilfe echtes Kapital. Die Einwohner von Tecklenburg-Ledde bezahlen zwölf Ledde-Taler für jede Stunde Unterstützung, und alles ist gleich viel wert: Hosen flicken, Auto reparieren, jemanden zum Arzt begleiten oder die Einkäufe erledigen - jeder kann seine Kompetenzen einbringen. Damit das Dorf nicht ausblutet, haben die Ledder sich Einiges überlegt. Funktioniert gut. In Jülich-Barmen gibt es den Tante-Emma-Laden 4.0, wo man nicht nur regionale Lebensmittel einkaufen kann, sondern sich obendrein noch im Café trifft und sein Auto anmelden kann. Zwei von zahlreichen Beispielen, wie sich Quartiere in NRW vernetzen.


Die Jahrestagung der Quartiersakademie NRW in Bochum hatte sich zum Ziel gesetzt, die Initiativen mit kommunalen Vertretern und Stadtplanern in Austausch zu bringen. Extrem spannend, was es an guten Beispielen für die Stadtentwicklung gibt. Ich habe ein Fachforum zu gutem Wohnen und stabiler Nahversorgung moderiert.


Verbindlichkeit schaffen - das ist bei aller Verschiedenheit der Ansätze immer das gemeinsame Element. Wo Menschen im Quartier sich kennenlernen und umeinander kümmern, gedeiht die Nachbarschaft. Dazu muss man auch mal losgehen, und schwergängigere Zeitgenossen aktiv ansprechen.


Ob Initiativen Erfolg haben, hängt sehr oft davon ab, wie energiegeladen und hartnäckig die Protagonisten sind. Die Quartiersakademie bringt einen großen Schwung an Wertschätzung für die Initiativen, doch die kommunalen Strukturen bilden diese Empfänglichkeit oft nicht ab. Ansprechpartner, die den Weg in den Verwaltungsdschungel öffnen, wären eine Hilfe, damit die Bürger sich ernstgenommen fühlen. An dieser Stelle lohnt der Blick über die Grenze, z.B. zu den niederländischen Nachbarn, die schon viel weiter sind. Die deutsch-niederländische Initiative "Mien Thuus - mijn buurtje" kennt sich aus.


Überdurchschnittlich oft engagieren sich vor Ort die älteren Menschen. Weil sie mehr Zeit haben? Die Quartiersakademie richtet den Fokus auf die demografische Entwicklung, droht aber die Jungen aus dem Blick zu verlieren. Dabei haben die Jüngeren so viel zu bieten: Allein die Absicht, dass die Initiatoren der Akademie, nämlich das Städtebauministerium NRW und NRW.Urban die Nachbarschaften im nächsten Schritt auch digital vernetzen wollen, zeigt das Potenzial des Austausches zwischen den Generationen.

Denn dies wurde auch bei der Tagung selbstsonnenklar : Für viele sind digitale Tools noch echtes Hexenwerk, das man bestenfalls zusätzlich nutzt, weil es irgendwie fremd und vielleicht schwierig erscheint. Aber immerhin, die Tagung war mit digitaler Letterbox (toll, aber leider ohne eigenen Twitter-Account und auch ohne definierten Hashtag) und eigener App für Forums-Fragen ein Übungscampus.


2017 geht es weiter mit der Quartiersakademie. Es wird Veranstaltungen zum Urban Gardening, zur Leerstandsnutzung, zur Integration von Flüchtlingen, zu Sponsoring und Crowd Funding und zur digitalen Vernetzung geben.