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Freitag, 20. November 2015

Frankensteins Texte

Über die Angst vor deutlichen Worten und die Unsitte von Führungskräften, Pressetexte weichzuspülen

Ich schreibe einen Pressetext für eine Organisation und freue mich, dass ich die staubtrockene Konferenz mit vielen geladenen weiteren Organisationen und allen stadtweit notwendigen Würdenträgern mit Leben gefüllt habe. Meine Einschätzung: Mit meinem Text kann man nun verstehen, warum sich so viele offizielle Menschen in solchen Runden treffen, und dass es letztlich tatsächlich darum geht, das Leben zu verbessern.


Der Pressetext wandert beim Kunden die Hierarchieleiter hinauf und kommt zu mir zurück. Schockstarre: Alles Leben wurde aus dem Text herausgepresst. Zurück bleibt eine Ansammlung von Worthülsen und leeren Absichtserklärungen - bei insgesamt gleicher Textlänge. Ein Textmonster. Ich rufe meine Ansprechpartnerin beim Kunden an. Durch das Telefon nehme ich das resignierte Schulterzucken wahr. Die neue Leitung will die Pressetexte jetzt immer vorgelegt bekommen, man wisse ja….


Die Situation ist sicherlich den meisten PR-Schaffenden schon begegnet. Ich möchte mal meine Haltung dazu formulieren:

1. Sicherlich ist es auch meine verletzte Eitelkeit, dass ich mich ärgere. Aber das ist nur ein kleines bisschen so. Und ich habe gar nichts gegen Texte, die sich im Ping-pong-Verfahren verändern - wenn sie dadurch besser werden.
2. Kein Mensch will solche Frankenstein-Texte lesen! Ich fordere von denjenigen, die aus lebendigen Texten tote Bleiwüsten machen, dass sie die Perspektive wechseln und sich in die Empfänger hineinversetzen, die solche Texte später lesen sollen, in der Zeitung, im Web oder sonstwo.
3. Je konkreter Texte formuliert sind, desto mehr legt der Absender sich fest. Das ist gut so. Ich fordere Verbindlichkeit und den Mut, die Dinge so zu beschreiben, wie sie sind. Leeres Blabla erhöht nur die Flut an unnützen Informationen.