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Mittwoch, 26. März 2014

Sprechen ist nicht alles

Ein ungewollter Selbstversuch, der Alfred Mehrabian bestätigt und erweitert.

Ich bin stumm wie ein Fisch. Nun ja, zumindest meine Stimmbäder haben ihren Dienst versagt. Gestern ist es passiert, quasi von jetzt auf gleich. Nun kann ich nicht sprechen, sehr zum Entzücken meiner Familie. Das kommt etwa zweimal im Jahr vor, weshalb ich mittlerweile eine gewisse Virtuosität darin entwickelt habe, mir trotzdem Gehör zu verschaffen und meine Anliegen anzubringen.

Mein Repertoire an Gebärdensprache ist umfassend. Einfache und bestimmte Gesten lassen mitunter an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Wird die flache Hand horizontal ruckartig von links nach rechts geführt, ist Schluss. Fertig. Für Diplomatie bleibt da wenig Raum. Die Mimik etwas aufgepimpt, damit ist nach einem Tag jeder Gesichtsmuskel optimal trainiert. Durch Klopfen oder zischen – „kss, kss!“ oder „tss, tss, tss“ – kann ich ziemlich prompt Aufmerksamkeit erzeugen. Sind Konsonanten nicht sowieso unterschätzt? Auch Missbilligung lässt sich mit Hilfe eines langsam ersterbenden „pssschh“ leicht ausdrücken.

Instinktiv kommt mir die uralte Theorie von Alfred Mehrabian in den Sinn, der konstatierte, der Inhalt des Gesagten mache lediglich sieben Prozent der Wirkung aus, der Rest entfalle auf Körpersprache (55 Prozent) und Tonalität (38 Prozent). Nun ging es in Mehrabians Versuch um Kongruenz, konkreter um mögliche Widersprüche im Ausdruck. Im Selbstversuch kann ich bestätigen: Zum kongruenten Kommunizieren brauche ich die gesprochene Sprache kaum. Allerdings möchte ich erweitern: Der Einsatz von Lauten und Gebärden in dieser Form und in diesem Ausmaß funktioniert für mich nur im heimischen Kontext. In jedem anderen Kontext beschränke ich mich zurzeit auf das geschriebene Wort. Ausschließlich.